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So arbeiten Pflegende an der Front

Die Schweiz bildet zu wenig qualifiziertes Pflegepersonal aus, um den heutigen und künftigen Bedarf zu decken. Bis 2030 werden rund 43’000 zusätzliche Pflegefachkräfte mit Tertiärabschluss benötigt, die Schweiz kann aber bis dann höchstens 29’000 Pflegende ausbilden. Die Pflegeinitiative fordert deshalb eine Ausbildungsoffensive, bessere Arbeitsbedingungen und bessere berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, um die Pflegeberufe attraktiver zu machen. (br)

Pflegende am Limit Viel Stress und wenig Lohn. Vier Pflegerinnen und ein Pfleger erzählen von ihrer Arbeit und weshalb sie die Pflegeinitiative am 28. November unterstützen. (Aufgezeichnet von Markus Brotschi)

Barbara Steinhauer (36), Pflegefachfrau, Bern

«Ich arbeite seit 18 Jahren als Pflegefachfrau und verfüge über ein Nachdiplom für Intensivpflege (IPS). Allerdings will ich nicht mehr auf Intensivstationen arbeiten, solange sich die Arbeitsbedingungen dort nicht grundlegend ändern.

Ich musste auf der IPS manchmal sechs Nachtschichten hintereinander leisten, für mich war diese Belastung zu gross. Weil ich tagsüber nicht gut schlafen konnte, war ich während der Nachtdienste nicht ausgeruht, deshalb hatte ich Angst, dass mir ein Fehler passieren könnte.

Nun arbeite ich in der Rhythmologie und habe keine Nachtschichten mehr. Auf dieser Abteilung werden Patientinnen mit Herzrhythmusstörungen behandelt. Ich überwache und betreue sie während des Eingriffs, verabreiche Medikamente. An sich sind die Arbeitszeiten attraktiv. Wir leisten Dienst in zwei Schichten von 7.30 bis 20 Uhr.

Seit einem halben Jahr ist es allerdings schwierig. Normalerweise werden bei einer Behandlung drei Pflegekräfte pro Patient eingesetzt. Da wir aber zu wenig Personal haben und sich auf offene Stellen niemand mehr bewirbt, sind es manchmal nur zwei Pflegekräfte. Die Sicherheit ist zwar nach wie vor gewährleistet. Aber die emotionale Unterstützung bei Patienten, die im Wachzustand behandelt werden müssen, kommt zu kurz. Das ist sehr frustrierend. Die Eingriffe lösen bei den Patienten Ängste aus, sie sind umgeben von Geräten und brauchen Beistand. Wir Pflegefachleute arbeiten mit viel Engagement. Gemessen am Einsatz und der Verantwortung sind unsere Löhne zu tief.»

Elisabeth Rebmann (56), Pflegefachfrau, Affoltern am Albis ZH

«Seit einem Jahr arbeite ich in der spezialisierten Palliativabteilung in einem Zürcher Regionalspital. Zu uns kommen häufig Krebspatienten. Diesen Monat habe ich drei Nachtdienste von 22.30 bis 7 Uhr, neun Spätschichten von 14 bis 23 Uhr und fünf Frühdienste von 7 bis 16 Uhr.

Mit der Umstellung komme ich zurecht. Die sozialen Kontakte zu pflegen, ist aber schwierig, nur schon einen Termin für ein Treffen mit einer Freundin zu finden, kann Wochen dauern. Ich verdiene – nach knapp 30 Jahren im Beruf – 5900 Franken brutto bei einem 80-Prozent-Pensum.

Die Arbeitsbedingungen sind besser als im Pflegezentrum, wo ich vorher arbeitete. Im Frühdienst waren dort eine diplomierte Pflegefachkraft und zwei Pflegehilfen für 13 Bewohner zuständig, die viel Pflege und Hilfe zur Mobilisation und fürs Essen benötigten. Wenn man als Diplomierte vier Bewohner selber pflegt, noch dazu bei allen zuständig ist für die medizinischen Aufgaben wie Medikamentenapplikation, Verbände anlegen, für Dokumentation sowie Visiten und Neueintritte, bleibt daneben kaum Zeit. Dabei bräuchten gerade demente Menschen viel Zuwendung. Man sollte etwa Biografiearbeit mit ihnen machen können, etwa Fotos anschauen. Bei dementen Menschen braucht es manchmal nur schon eine halbe Stunde, um sie zum Aufstehen zu bewegen.

Fehlt die Zeit, lässt man sie einfach im Bett. Erfahrenes diplomiertes Personal ist wichtig. Wenn ich selber Patienten pflege, erhalte ich wichtige Informationen. Ich registriere Verfärbungen und Druckstellen auf der Haut, erkenne Wasseransammlungen, nehme farbliche Veränderungen der Ausscheidungen wahr, beobachte das Essverhalten und höre den Patienten über Schmerzen oder Schlafstörungen klagen. Vielem kann ich so rechtzeitig mit Pflegemassnahmen entgegenwirken und bei Bedarf den Arzt hinzuziehen.»

Katharina Wirz (38), Pflegefachfrau, Zürich

«Ich arbeite seit sechs Jahren in der Mathilde-Escher-Stiftung in Zürich, die Menschen mit Muskelkrankheiten betreut. Ich bin sehr zufrieden mit den Arbeitsbedingungen hier in der Stiftung. Das war an meinem früheren Arbeitsort leider nicht so.

Meine Ausbildung habe ich in der Langzeitpflege eines Regionalspitals absolviert. Während des Studiums an der höheren Fachschule erhielt ich einen Praktikumslohn von 900 Franken im ersten Jahr, 1000 im zweiten und 1300 im dritten Jahr. Für mich war es die Zweitausbildung. Hätte ich nicht ein Darlehen aufnehmen können, das ich später zurückzahlte, hätte ich die Ausbildung nicht machen können.

Nach der Diplomierung arbeitete ich noch ein Jahr in der Langzeitpflege im selben Spital, musste aber aufhören, weil ich enorm ausgebrannt war. Ich zeigte Symptome einer totalen Stressüberlastung wie massive Schlafstörungen und Störungen des Essverhaltens.

Die Menschen werden immer älter, Mehrfacherkrankungen nehmen zu. Dank der guten Spitex-Pflege zu Hause kommen sie immer später in die stationäre Pflege. Das hat zur Folge, dass die Krankheitsbilder immer komplexer werden. Die Pflegefachleute tragen die Verantwortung, auch wenn sie Arbeiten an nicht diplomierte Pflegende delegieren. Ich konnte kaum eine Arbeit richtig zu Ende machen, schon wurde ich zur nächsten Aufgabe, zum nächsten Problem gerufen.

Unsere Arbeit kann man eigentlich nicht in einem 100-Prozent-Pensum machen, zu gross ist die körperliche und psychische Belastung durch Schichtarbeit, unregelmässige Arbeitszeiten und die Stressüberlastung durch Personalausfälle. Viele arbeiten deshalb wie ich 80 Prozent oder weniger, um den Stress besser verkraften zu können.»

Bastian Wacker (27), Fachmann Gesundheit, Gelterkinden BL

«Seit zehn Jahren arbeite ich in der Pflege, seit sechs Jahren im Alters- und Pflegeheim Zum Eibach in Gelterkinden. Ich verdiene rund 4400 Franken netto für ein 80-Prozent-Pensum. Das ist für die Branche ein guter Lohn. Meine Arbeit ist dann befriedigend, wenn die Dienstplanung nicht durcheinandergerät, weil jemand ausfällt. Leider war das aber gerade in der Corona-Zeit häufiger der Fall. Normalerweise betreuen 5 Pflegende 21 Bewohnerinnen und Bewohner, manchmal sind wir auch weniger. Dann geht es nur noch darum, den Laden am Laufen zu halten.

In diesen Situationen kann ich den Menschen nicht mehr jene Pflegequalität bieten, die ich möchte. Zudem bleiben dann auch administrative Arbeiten liegen. Wenn ich mich jedoch zwischen Büroarbeit oder Betreuung entscheiden muss, entscheide ich mich immer für den Menschen.

Ich mache meine Arbeit immer noch gern, sonst wäre ich nicht so lange im Beruf geblieben. Ich würde gern die Diplomausbildung zur Pflegefachkraft machen. Doch zurzeit ist das nicht möglich, da ich dann nur einen Praktikumslohn von rund 1000 Franken bekäme. Ich finde es richtig, dass die Ausbildung an einer höheren Fachschule oder Fachhochschule erfolgt.»

Ursina Häfliger (48), Abteilungsleiterin, Zofingen AG

«Ich bin als Pflegefachfrau ausgebildet und verfüge über eine Weiterbildung zum Thema Altern und Gesellschaft. Seit dem 1. Oktober leite ich eine Abteilung in der Akut-Geriatrie im Spital Zofingen. Die Hälfte meines 100-Prozent-Pensums verwende ich nach wie vor für Pflegearbeit an den Betten, mit den Patientinnen und Patienten. Denn es fehlen Pflegefachkräfte. Allein in den letzten zwei Monaten kam ich auf 60 Überstunden.

Zu uns kommen Patientinnen und Patienten über 70, die gestürzt sind oder eine schwere Infektion erlitten haben. Auf unserer Abteilung bleiben sie eine bis drei Wochen. Das Ziel ist es, dass sie danach wieder in ihrem gewohnten Umfeld leben können. Ich mache die Arbeit immer noch sehr gern. Aber es stimmt mich traurig, dass wir die Patienten nicht so betreuen können, wie es eigentlich nötig wäre. Zu kurz kommt vor allem die psychosoziale Begleitung, die sehr viel Zeit beansprucht. Der Arbeitsmarkt ist sehr ausgetrocknet. Wir haben mittlerweile vom Spital beinahe freie Hand, Personal einzustellen, wann immer wir welches finden.

Wenn ich die Verantwortung sehe, die wir täglich tragen, finde ich unsere Entlöhnung nicht angemessen. Pflegefachkräfte machen ihre Arbeit aus Berufung, und das wird leider auch etwas ausgenützt. Zurzeit versuchen die Spitäler, mit Goodies Pflegekräfte zu rekrutieren oder bei der Stange zu halten. Damit wird das Problem des Mangels an diplomiertem Personal nicht gelöst. Die Spitäler graben sich nur gegenseitig das Wasser ab.»

Quelle:

https://epaper.derbund.ch/index.cfm/epaper/1.0/share/default?defId=46&publicationDate=2021-10-29&newspaperName=Der%20Bund&pageNo=6&articleId=125441952&signature=881E49E41FD6D57F79275732A64025E6A064098D Interessanter Artikel aus Der Bund E-Paper

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